Treffen mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF)

Text: Clara Hoppe

Am zweiten Tag unserer Reise fanden wir uns in einer Pierogarnia wieder, in der es verschiedenste Variationen der gefüllten Teigtaschen gab. Dort erwarteten uns drei Freiwillige des Freiwilligendienstes Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (ASF), Lily und Clara aus Deutschland und Stanislav aus der Ukraine. Für diejenigen, die keine Ahnung haben, worum es sich bei ASF handelt, hier eine kleine Erklärung:  ASF wurde als eine deutsche Organisation der Friedensbewegung 1958 auf der Synode (Organ der Evangelischen Kirche, beschließt Kirchengesetze und wählt den Rat der EKD) der Evangelischen Kirche in Deutschland gegründet. Heutzutage ist ASF besonders durch die internationalen Freiwilligendienste bekannt. Diese werden unter anderem in Belgien, Frankreich, Großbritannien, Israel, Niederlande, Norwegen, Polen, Russland, Tschechien, Ukraine, USA und Belarus angeboten.

Obwohl es sich bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. um einen christlichen Trägerverein handelt, stehen die Friedensdienste allen Menschen offen, die sich mit dem Thema und den Beweggründen verbunden fühlen. Die Beweggründe für die Gründung der Friedensorganisation liegen im humanitären Versagen der protestantischen Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Kirche als solche versagte darin Widerstand zu leisten und für die Werte einzustehen, welche sie predigten. Einzelne Mitglieder der Kirche leisteten jedoch Widerstand. Aus diesem bildete sich auch die ASF heraus (Gründer Lothar Kreyssig beispielsweise gehörte zum Widerstand). Eben diese Menschen thematisierten das Versagen der Kirche und forderten Buße. Die Kirche und die Gesellschaft in Deutschland zeigten sich jedoch nach dem Krieg wenig bereit, anzuerkennen und aufzuarbeiten, was geschehen war und was sie getan hatten. Die Shoa, der Völkermord an den Sinti und Roma und die systematische Ermordung von „lebensunwerter“ Zivilbevölkerung und Kriegsgefangenen in Mittel- und Osteuropa wurden aus der öffentlichen Debatte verbannt.

„Noch weniger waren sie dazu bereit, auf die Überlebenden zuzugehen und sie um Verzeihung zu bitten oder sich auch nur dafür zu interessieren, wie ihr Leben nach Folter, brutalem Verlust ihrer Angehörigen, Demütigung durch die ehemaligen Nachbarn und nach dem Entronnen-Sein verlief.“[i]

Somit stand zu Beginn des Gründungsaufrufes die Anerkennung der Schuld für nationalsozialistische Verbrechen im Vordergrund:

„Wir Deutschen“, heißt es darin, „haben den Zweiten Weltkrieg begonnen und damit mehr als andere unmessbares Leiden der Menschheit verschuldet. Deutsche haben in frevlerischem Aufstand gegen Gott Millionen Juden umgebracht. Wer von uns Überlebenden das nicht gewollt hat, hat nicht genug getan, es zu verhindern.“[ii]

Kreyssig sprach von Schuld und forderte Konsequenzen, es ging ihm und in der Gründung von ASF nicht um das Anbieten von Hilfe, sondern um das Bitten helfen zu dürfen, dieser Aspekt ist auch heute noch wichtig. Durch das Bitten wird eine Bereitschaft signalisiert, sich auf den anderen einzulassen, „[…] denn die Bitte setzt auf Gespräch, auf Antwort und auf neues Tun.“[iii]

„Es ist dies eine Bewegung weg vom Eigenen und hin zu dem Anderen, ein Auszug aus dem Selbst im Tun und auf der Suche nach Wahrheit. Das war vielen Zeitgenossen zu viel des Anderen und zu wenig selbstbezogen“[iv]

Organisationen der ASF wurden für Westdeutschland und der DDR konzipiert, welche nach der Teilung fusionierten. Die Organisationen existierten mit dem gleichen Hintergrund, aber unterschiedlichen Schwerpunkten weiter. Seit 2001 gibt es ein trilaterales Freiwilligenprogramm, in dem nicht nur deutsche Freiwillige in andere Länder gehen, sondern auch aus anderen Ländern Freiwillige kommen:

„So entstehen Perspektivwechsel und intensive Auseinandersetzungen über die gegenwärtige Bedeutung des Nationalsozialismus in den jeweiligen Herkunftsländern der Freiwilligen. Durch gemeinsame Arbeit wird ein neuer, friedlicher Weg sichtbar.“[v]

Dass ASF auch heute noch existiert liegt daran, dass es für die bis heute andauernden Folgen der Gewaltverbrechen sensibilisieren und Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung entgegentreten möchte. So liegt der Fokus nicht nur auf den Freiwilligendiensten, sondern auch auf vielen kleineren Veranstaltungen, Begegnungsstätten, Gedenkstättenfahrten, Sommercamps etc. Die drei, die wir am besagten Abend kennenlernten, sprechen mit uns über ihre Projekte. Clara arbeitet in der internationalen Jugendbegegnungsstätte Auschwitz/Oświęcim. Die anderen beiden sowohl in der KZ-Gedenkstätte Stutthof als auch mit dem Maximilian-Kolbe-Werk in der Altenarbeit.

Für mich war besonders interessant, dass das Konzept des Freiwilligendienstes auf Spenden basiert und kaum bis gar nicht vom deutschen Staat finanziert wird. Es werden jährlich unglaubliche Mengen für die „Entwicklungszusammenarbeit“ ausgegeben (aus dem Fenster geworfen), aber Projekten wie solchen, die versuchen, Völkerverständigung zu fördern, Menschen über ihren Tellerrand hinaus schauen zu lassen und sie nicht mit einem arroganten Selbstbild und einem Blick ins Fremde zu lassen, dafür ist dann kein Geld mehr da. Ich für meinen Teil denke, dass es viel mehr solcher Initiativen geben sollte und dass es heutzutage vermutlich auch schwer ist  vorauszusehen, wie es mit der Organisation von Aktion Sühnezeichen weitergehen soll. Es gibt kaum noch Zeitzeugen aus den Tagen des Nationalsozialismus, womit in Zukunft ein Arbeitsbereich der Friedensdienste wegbrechen wird, die Themen bleiben jedoch weiterhin aktuell und so wichtig wie nie in einem politisch hoch aufgeladenen Deutschland. Gäbe es mehr junge Menschen, die sich mit der Vergangenheit so dezidiert auseinandersetzen würden, würden wir vielleicht heutige Diskussionen über Flucht nicht mehr führen müssen.

 


[i] Vgl. https://www.asf-ev.de/freiwilligendienst/partnerlaender/freiwilligendienst-in-polen/?L=0 und https://www.asf-ev.de/ueber-uns/geschichte/

[ii] Ebd.

[iii] Ebd.

[iv] Ebd.

[v] Ebd.

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