Die Museumsdebatte in Gdańsk – Zwischen Nationalismus und Geschichtsdarstellung

Text: Natalia Wollny
Foto: Marieke Wist

Die Museumsdebatte in Polen beschäftigt die internationale Öffentlichkeit schon seit Jahren. Der Disput um die Ausrichtung des Museums des Zweiten Weltkrieges in Gdańsk scheint seit seiner Gründung 2008 kein Ende zu nehmen. Man mag meinen, dass eine internationale Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg überwiegend Zuspruch finden würde – doch bei der rechts-konservativen Regierung weit gefehlt.

Im April 2017 wurde das Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk eröffnet: Eine sehr moderne kubische Konstruktion, die ein für die polnische staatliche Museumslandschaft doch ziemlich modernes Konzept einer Ausstellung beinhaltet: Nämlich eine multiperspektivische Sichtweise auf den Zweiten Weltkrieg, darin Polen nicht im Vordergrund des Geschehens, sondern eingebettet in die europäischen Zusammenhänge des Krieges, auch Japan und China werden thematisiert. Der polnische Historiker und Beirat des Museums Włodzimierz Borodziej nennt das Museum „Flaggschiff einer liberalen Geschichtspolitik in Ostmitteleuropa.”[i] Neben Borodziej und dem Initiator und Direktor des Museums, Paweł Machcewicz, gehörten auch bekannte Namen wie Piotr Cywiński, Norman Davies, Ulrich Herbert, Timothy Snyder, Tomasz Szarota und Anna Wolff-Powęska dem Direktions-und Programmbeirat an.

Doch genau dieses liberale Flaggschiff und der internationale Beirat waren den konservativen Kräften in Polen ein enormer Dorn im Auge und wurden als Angriff auf die polnische Identität wahrgenommen. Die Leitlinie in Sachen Geschichtspolitik soll auf den polnischen Heldentaten und dem polnischen Opferstatus liegen. Wenn man das aktuelle politische Stimmungsbild in Polen untersucht, kann man Borodziej nur zustimmen, wenn er meint, die polnische Regierung sei „[…] dagegen, die Geschichte des Krieges umfassend, also als ein europaweites Ereignis zu zeigen, eine Katastrophe, in deren Folge noch mehr Zivilisten litten als Soldaten. […] Die Regierung will wohl ein Museum über Polen im Zweiten Weltkrieg, mit Soldaten und Résistance-Kämpfern als Dominante. Alles, was darüber hinausgeht, passt offenbar nicht.“[ii]

Der Direktor des Jüdischen Historischen Instituts,  Paweł Śpiewak, äußerte sich ähnlich: „Das ist eine Art von Nationalismus. Wenn ich an einer Debatte mit dem Präsidenten über die Geschichtspolitik teilnehme, dann reden wir nur darüber, was die Polen für eine  tolle Nation sind. Das ist die Rückkehr zum Mythos der Polen als einer unschuldigen Nation, geschändet, aber unschuldig.“[iii]

Doch genau dieses Geschichtsbild will die PiS und Kukiz-Bewegung mit allen Mitteln durchsetzen. Dazu gehörte auch, das Museum des Zweiten Weltkrieges weitesgehend unter die eigene Kontrolle zu bringen. Das polnische Ministerium für Kultur und nationales Erbe gründete in diesem Rahmen unter dem Minister Piotr Gliński das „Museum der Westerplatte und des Krieges 1939” und kündigte 2016 an, dieses mit dem Museum des Zweiten Weltkrieges zusammenlegen zu wollen und den Namen zu übernehmen. Ein gesetzlich legaler Weg, um den Museumsdirektor Machcewicz abzusetzen und inhaltliche Programmkorrekturen vorzunehmen. Daraufhin drohte Paweł Adamowicz, der Stadtpräsidenten von Gdańsk damit, dem Museum das eigentlich kostenlos zur Verfügung gestellte Baugrundstück zu entziehen, woraufhin Gliński sein Vorhaben zurückzog.

Nach diesem Debakel erhielt Gliński ein Statement der Historiker Timothy Snyder und  Andrzej Nowak, eigentlich Sympathisant der aktuellen Regierung, in dem sie betonten,  „[…], dass die geplante Ausstellung der historischen Wahrheit gerecht wird, sowohl was das allgemeine Bild des Krieges angeht als auch hinsichtlich des spezifischen Schicksals Polens in diesem Krieg. Wir stimmen darin überein, dass das Museum des Zweiten Weltkrieges in der entstehenden Form eine außergewöhnliche Chance für die Polen eröffnet, sich über den Krieg zu informieren, wie er außerhalb Polens stattfand, ebenso wie für die ausländischen Besucher, die polnische Geschichte kennenzulernen.“[iv]

Doch die Regierung stellte sich weiterhin quer und verwickelte beide Partien in einen schmutzigen Propagandakrieg. Besonders die letzten zwei Jahre waren gefüllt von gegenseitigen Vorwürfen und versuchter Einflussnahme, auch über juristischem Weg. Machcewicz und sein Team versuchten, für ihre Sache Solidarität im In-und Ausland zu schüren, was zu einem Offenen Brief von Historiker*innen aus aller Welt und großer Kritik an der polnischen Regierung führte. Machcewicz fasste das Vorhaben der PiS und seine Oppositionsarbeit folgendermaßen treffend zusammen: „They thought they could do a blitzkrieg, but now we have the Battle of Stalingrad.”[v]

Ähnlich Stalingrad gab es zwar einen Sieg, aber einen, der ebenfalls einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt und der zu hohe Opfer forderte. Wie lange Zeit befürchtet, wurde Machcewicz im April 2017 durch den Historiker Karol Nawrocki ersetzt und der Weg zur Fusion der Museen durch den polnischen Obersten Verwaltungsgerichtshof nach langem Rechtsstreit quer durch die Instanzen frei gemacht. Das Museum der Westerplatte – nicht mehr als eine Briefkastenfirma ohne jegliches Konzept – ein Name auf dem Papier, das Mittel zum Zweck war.

Ende Januar öffnete der Museumsdirektor das Museum für einige Tage, damit sich die Bevölkerung von Gdańsk ihr eigenes Bild der Ausstellung machen konnte und hielt bei der Eröffnung eine Rede. Es war seine letzte Amtshandlung, denn es waren Machcewicz’ letzten Tage im Amt und in der Institution, die er 2007 bei Donald Tusk durchgekämpft und bei Angela Merkel in Berlin vorgestellt hatte und die vor zehn Jahren ihren ersten Spatenstich erlebt hatte.

Soweit unsere Exkursionsgruppe erfahren hat, wurde seit der offiziellen Eröffnung des Museums bislang nur die letzte Station in der Dauerausstellung des Museums verändert. Diese wurde nämlich durch einen animierten Film ergänzt, der den polnischen Patriotismus und Heroismus propagiert. Was sich noch ändern wird, und ob überhaupt etwas verändert werden darf, ist unklar. Momentan gibt es den nächsten großen Streit des Kulturministeriums mit dem Beirat des Museums, der besagt, dass ohne ihre Zustimmung keine großen Veränderungen an der Ausstellung vorgenommen werden dürfen. Es kann sein, dass dieser Fall vor einer EU-Kommission landen wird.  Einige sind der Ansicht, dass selbst ein Verbot die PiS nicht von ihrem Ziel abbringen würde, da die Partei nicht viel von der EU und ihrem Recht hält.

Vielleicht werden sich Kaczyńskis Worte tatsächlich bewahrheiten, als dieser im Juni 2013 drohte:  „Wir werden die Gestalt des Museums des Zweiten Weltkriegs so verändern, dass die Ausstellung in diesem Museum die polnische Perspektive darstellt,” und dass „die Schulbildung junger Polen nicht auf Schamgefühlen beruhen darf, sondern auf Würde und Stolz”.[vi] Auch bei uns in Deutschland werden Sätze wie der letztere laut. Doch Nationalismus darf sich in keinster Weise auf die Geschichts- und Erinnerungspolitik auswirken, die nächsten Generationen keinem Geschichtsrevisionismus zum Opfer fallen. Wo Europa zunehmend nach rechts rückt, ist eine vergleichende, internationale und multiperspektivische Debatte und Forschung umso wichtiger. So ist es umso bedauerlicher, dass Polens Regierung diesen Weg nicht gehen möchte und lieber eine Richtung einschlägt, die die Südddeutsche Zeitung in einem Artikel über die Museumsdebatte „Abschied von Europa” nennt.

 

Quellen:

Interview mit dem polnischen Historiker Włodzimierz Borodziej über das Museum des Zweiten Weltkrieges: http://www.sueddeutsche.de/kultur/interview-abschied-von-europa-1.2997983

Reportage über die Einflussnahme der polnischen Regierung auf das Geschichtsbild: http://www.sueddeutsche.de/kultur/interview-abschied-von-europa-1.2997983

Analyse von Reinhold Vetter zum politischen Gedenken in Polen: http://www.bpb.de/207253/analyse-politisches-gedenken-polen-und-der-8-mai-1945

Analyse von Reinhold Vetter zum Danziger Weltkriegsmuseum unter: http://www.bpb.de/238775/analyse-das-schicksal-des-danziger-weltkriegsmuseums-die-polnische-regierung-und-die-europaeische-ausrichtung-des-projekts

Florian Peters über die patriotische Geschichtsschreibung in Polen: http://www.zeitgeschichte-online.de/thema/patriotische-geschichtsschreibung-im-staatsauftrag

Daniel Logemann über den Museumsstreit: http://www.zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/streit-um-das-museum-des-zweiten-weltkriegs-gdansk#_ftn5

Über die Absetzung des Museumsdirektors:

https://www.tagesspiegel.de/kultur/eklat-beim-danziger-weltkriegsmuseum-polens-regierung-setzt-neuen-chef-ein/19626794.html


[i] Augstein, Franziska: Interview mit Włodzimierz Borodziej “Abschied von Europa” unter: http://www.sueddeutsche.de/kultur/interview-abschied-von-europa-1.2997983

[ii] siehe Vetter, Reinhold: Analyse: Das Schicksal des Danziger Weltkriegsmuseums. Die polnische Regierung und die europäische Ausrichtung des Projekts unter: http://www.bpb.de/238775/analyse-das-schicksal-des-danziger-weltkriegsmuseums-die-polnische-regierung-und-die-europaeische-ausrichtung-des-projekts

[iii] siehe: http://www.bpb.de/238775/analyse-das-schicksal-des-danziger-weltkriegsmuseums-die-polnische-regierung-und-die-europaeische-ausrichtung-des-projekts

[iv] siehe: http://www.bpb.de/238775/analyse-das-schicksal-des-danziger-weltkriegsmuseums-die-polnische-regierung-und-die-europaeische-ausrichtung-des-projekts

[v] siehe: http://www.zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/streit-um-das-museum-des-zweiten-weltkriegs-gdansk#_ftn5

[vi] siehe: http://www.zeitgeschichte-online.de/geschichtskultur/streit-um-das-museum-des-zweiten-weltkriegs-gdansk#_ftn5