Besuch der Uniwersytet Gdański und Gespräch mit Piotr Perkowski

Text: Philipp Mangels

Die Reise in eine fremde Stadt hat auf einer Exkursion nicht nur zur Folge, dass man sehr viel im besuchten Ort entdeckt und ein Gefühl für diesen erfährt, sondern bietet auch die Möglichkeit, sich selbst in der Stadt zu verorten. In den Vorbesprechungen wurde die Motivation einiger Teilnehmer*innen deutlich, die Stadt kennenlernen zu wollen, um eventuell ein Auslandssemester dort zu machen. Eine Teilnehmerin sagte zwar, dass Kraków und Warszawa derzeit eher für ein Auslandssemester in Erwägung gezogen würden, dies könne sich aber durch den Besuch der Stadt Gdańsk ändern. Deshalb besuchten wir am Donnerstagabend nach einem bis dato anstrengenden Tag das Viertel Oliwa und die Uniwersytet Gdański.

Die Universität wurde 1970 gegründet und zählt derzeit elf Fakultäten und um die 27.000 Student*innen, wozu sie zu den größeren Hochschulen des Landes gehört. Als Bremer sind wir das Ambiente einer Anfang der 70er Jahre gegründeten Uni gewohnt, schließlich wurde die Universität Bremen nur ein Jahr später eröffnet. Wir malten uns also vor der Ankunft das Bild des Grauens aus mit Gebäuden, die dringend renoviert werden mussten, Plattenbauten, die nur vom größten Sozialismusromantiker als schön empfunden werden konnten und Wandmalereien, die Jahrzehnten der Witterung zum Opfer fielen und nur noch dunkle Flecken offenbarten.  Alles wie zu Hause also. Diese Vorahnung wird der Uniwersytet Gdański allerdings nicht gerecht. Statt Plattenbauten sahen wir Gebäude mit großen Glasfronten und statt Graffiti blickten wir schieren Wänden entgegen. Auch die Innenarchitektur schrie nicht nach Renovierung; einzig die sehr (!) hoch angebrachten Steckdosen sorgten bei manchen Studierenden für Verwirrung. Natürlich kann es sein, dass wir die Universität nur von ihrer schönsten Seite gesehen haben und die Dunkelheit einiges vor uns versteckte. Einen besseren Eindruck als die Universität Bremen machte sie aber allemal. Aber ob das jede*r so sieht?…

Im Gebäude der Fakultät für Geschichte trafen wir uns mit Piotr Perkowski. Er ist habilitierter Doktor der Geschichte an der Uniwersytet Gdański mit dem Schwerpunkt der ostmitteleuropäischen Geschichte im 20. Jahrhundert und dort insbesondere in der Erforschung des Kommunismus tätig. Perkowski war bereits einmal im Rahmen des Kolloquiums zur Ost(mittel)europäischen Geschichte an der Uni Bremen, um dort einen Vortrag über den Kommunismus im Rahmen von Modernisierungstheorien zu halten. Deshalb kannten ihn ein paar von uns bereits, für andere wiederum war er ein unbeschriebenes Blatt.

Das Gespräch war recht frei gehalten. Anstatt einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, erzählte uns Piotr Perkowski viel über das Studium an der Uniwersytet Gdański und der Struktur polnischer Universitäten. Dabei kam er auch auf Probleme der Geisteswissenschaften zu sprechen, die uns aus Deutschland sehr bekannt sind. Auch in Polen setzen viele Universitäten verstärkt auf MINT-Fächer und die Geisteswissenschaften müssen in der Wissenschaft immer kürzer treten. Dies führt zum einen dazu, dass die Interessenprofile einzelner Wissenschaftler*innen sehr breit gefächert sein müssen, obwohl sich die Forschungen dieser nur auf bestimmte Bereiche fokussieren. Zum anderen gibt es immer weniger Menschen, die sich für ein Studium oder eine akademische Karriere in geisteswissenschaftlichen Fächern entscheiden. Perkowski erläuterte dies mit einem anschaulichen Beispiel. Als Repräsentant innerhalb seines Instituts vertrat er vor wenigen Jahren die jüngeren Wissenschaftler*innen, weil seine Kolleg*innen alle älter waren als er. Zu den jüngeren Wissenschaftler*innen zählen in der Regel solche, die das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. Perkowski als jüngster Anwesender hatte die 40 Jahre allerdings schon längst überschritten. Wo ist also der wissenschaftliche Nachwuchs?

Und ist es nicht gerade in Zeiten, in denen die Regierung eine geschichtsrevisionistische Politik betreibt, wichtig, eine präsente wissenschaftliche Öffentlichkeit als Gegengewicht zu haben?

Mit dem Danziger Historiker hatten wir eine Ansprechperson, die uns auch dezidiert zum Forschungsalltag unter der national-konservativen Regierung berichten konnte. Zwar sind die Universitäten zu großen Teilen noch unberührt vom Einfluss der Regierung – in den Großstädten herrscht ohnehin ein liberales Gegengewicht hinsichtlich der politischen Einstellung der Bewohner*innen. Dennoch gibt es auch für Wissenschaftler*innen Grund zur Sorge, insbesondere an öffentlichen Einrichtungen wie Museen  wie dem Museum des Zweiten Weltkriegs, das wir bereits am Nachmittag besucht hatten. Piotr Perkowski kritisierte die getätigten und zukünftigen Veränderungen dieses Museums und bestätigte damit unseren Eindruck dieses gefährlichen Geschichtsrevisionismus.

Gerade weil das Gespräch in einer lockeren Atmosphäre stattfand und keinen strikten Zeitplan vorsah, diskutierten wir mehr als zwei Stunden u.a. auch über das Europejskie Centrum Solidarności, das wir am nächsten Tag besuchten. Obwohl wir einen guten Eindruck von der Fakultät für Geschichte bekommen haben, blieben einige Fragen unbeantwortet, so zum Beispiel solche nach den aktuellen Forschungen Perkowskis. Doch anstatt bis in die Nacht mit dem Historiker zu diskutieren, entschieden wir uns dazu, weitere Fragen auf das nächste Gespräch mit ihm zu vertagen. Dafür luden wir ihn informell wieder nach Bremen ein, wenn er denn die Universität noch einmal sehen möchte – es gibt immerhin schönere Orte auf dieser Welt. Zu unserer Überraschung aber fand er den Campus der Uni Bremen tatsächlich schön, da er eine „dekadente“ Ausstrahlung habe.

Mit dieser Aussage ließ er uns rätselnd zurück und wir konnten uns beim Abendessen noch lange über die Schönheit von Gebäuden unterhalten.