Die Westerplatte als Erinnerungsort

Text: Natalia Wollny
Foto: Marieke Wist

Auch wenn wir die Westerplatte nicht direkt besichtigt haben, war sie doch auf gewisse Art und Weise mit unserer Exkursion in Gdańsk verbunden. Sie tauchte schon auf der Zugfahrt in die Stadt als Diskussionspunkt auf – und schließlich konkret, als wir uns mit dem Museum des Zweiten Weltkrieges beschäftigt haben. Die Westerplatte ist zu einem komplexen Terminus geworden, einem emotional aufgeladenen Raum,  in dem sich zahlreiche Debatten und Kontroversen widerspiegeln. Zeitweise wurde sie als Erinnerungsort von den rechts-konservativen Kräften missbraucht, um eine internationalere Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg zu unterbinden – simultan  mit dem Versuch, ihren eigenen Patriot- und Heroismus zu propagieren. Dabei ist die Westerplatte von  jeher Auslöser von Kontroversen gewesen, vor allem zwischenstaatlich.

Es fing alles so friedlich an: Die Halbinsel Westerplatte im Nordwesten von Gdańsk etablierte sich ab den 1830er Jahren zu einem Kurort mit warmen und kalten Seebädern, einem Kurpark und Kurhaus. Etwa hundert Jahre später war es mit der Idylle schon wieder vorbei: Nach Ende des polnisch-sowjetischen Krieges (1919-1921) fühlte sich Polen im Bedarf eines polnischen Munitionslagers auf der Halbinsel. Dies wurde durch den Völkerbund auf Wunsch Polens im März 1924 bestätigt – auf dem Gebiet der Freistadt Danzig und entgegen ihres ausdrücklichen Willens. Die Insel war Polen nicht zugesprochen worden, jedoch hatte die Errichtung des polnischen Munitionslagers zur Folge, dass der Hauptteil der Insel der Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war und zu einem militärischen Gebiet ausgebaut wurde. Diese angespannte Situation sorgte in den Folgejahren für kontinuierliche Reibereien zwischen beiden Parteien und zu abwechselndem Brechen des Abkommens.

Mit den zunehmenden Verstößen Deutschlands gegen den Versailler Vertrag wurde die Garnison auf der Westerplatte heimlich verstärkt. Bei einem Angriff auf die Halbinsel sollte die Wachmannschaft diese etwa zwölf Stunden halten können. Im Endeffekt wurde diese sogar mehrere Tage gehalten und hätte auch noch länger gehalten werden können. Am 25. August 1939 lief das Linienschiff „Schleswig-Holstein“ zu einem angeblichen Besuch in den Danziger Hafenkanal ein. Die Absicht war, die polnische Garnison bei der Kriegseröffnung sturmreif zu schießen. Die Eroberung selbst sollte durch eine heimlich an Bord befindliche Marinestoßtruppkompanie (MSK) erfolgen. Am 31. August erfolgte der Funkspruch mit der Aufforderung, Polen am nächsten Tag, den 1. September 1945, anzugreifen. Unterstützt durch die SS-Heimwehr Danzig begann um 4:47 Uhr der Angriff, der den Beginn des Überfalls auf Polen markiert. Der Angriff auf die Westerplatte zog sich bis zum 7. September hin, als die polnischen Soldaten schlussendlich kapitulierten.

Der Kampf der kleinen polnischen Truppe gegen die deutsche Besatzungsmacht bildet einen wichtigen Aspekt um den Mythos einer heldenhaften und heroischen Verteidigung Polens und hat Eingang in das kollektive polnische Gedächtnis gefunden. Das Gedicht von der Legende um die Verteidigung der Westerplatte durch eine Handvoll polnischer Soldaten und dem polnischen Widerstand gegen die Nazis hat Konstanty Gałczyński den Ruf als Autor eines der bekanntesten Kriegsgedichte der polnischen Literatur eingebracht.

Momentan passt dieses Bild besonders gut in den aktuellen polnischen Diskurs um das Geschichtsbild des Zweiten Weltkrieges und Polens Rolle darin. Konservative polnische Partien betonen verstärkt Polens „Opferrolle“ und ihren „aufopferungsvollen“ Einsatz gegen die faschistische Macht ohne jeden Makel. Vor einigen Tagen erst wurde das umstrittene Holocaust-Gesetz von der polnischen Regierung verabschiedet, welches die Aussagen, Polen hätte auf irgendeine Art und Weise im Holocaust mitgewirkt und die Behauptung der „polnischen Konzentrationslager“ unter Strafe stellt. Im Rahmen dieser Geschichtswahrnehmung wird die Westerplatte als Symbol von Kampf und Widerstand als besonders identitätsstiftend eingestuft und bildet ein Standbein des polnischen nationalen Selbstverständnisses.

Als Spielball des Kulturministers Piotr Gliński wurde dieses „Symbol“ in der Kontroverse um das Museum des Zweiten Weltkrieges: Um eine internationalere Ausrichtung des neuen Weltkriegsmuseums zu unterbinden, hatte das Ministerium das „Museum der Westerplatte und des Krieges 1939“ gegründet und wollte beide Institutionen zusammenlegen – vor allem, um eine Einflussnahme auf den Posten des  Museumsdirektors und seines Stabes und der Ausrichtung des Museums zu nehmen. Aber auch die museale Inszenierung der Westerplatte und Reenactments am Ort mit „authentischen Waffen“ sollten eine Rolle spielen. Mehr dazu im Beitrag zur Museumsdebatte.

Mit dem Erinnerungsort Westerplatte geht allein in Polen eine hohe Emotionalität und Instrumentalisierung einher, die die rechts-konservative Regierung durchaus zu ihrem Zweck zu gebrauchen weiß. Kritik daran ist unerwünscht: Als es Pläne für eine Filmproduktion des Überfalls auf die Westerplatte aus einer weniger heldenhaften Perspektive der polnischen Soldaten gab, wurden die staatlichen Zuschüsse komplett gestrichen.

Jerzy Kochanowski schreibt in seinem Beitrag in der „Aus Politik und Zeitgeschichte“ über den Kriegsbeginn in der polnischen Erinnerung, der Westerplatte als Erinnerungsort und auch der „Opferkonkurrenz“ dieser mit dem Ort Wielun: http://www.bpb.de/apuz/31765/der-kriegsbeginn-in-der-polnischen-erinnerung?p=all

Interessant ist auch der Aufsatz von Anna Musioł über die Westerplatte als „Lieux de Memoire“ im kollektiven Gedächtnis Deutschlands, Polens und Russlands: https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/frontdoor/deliver/index/docId/3158/file/wtp14.pdf