Frauen in der Solidarność

Text: Marieke Wist
Foto: Natalia Wollny

Nach dem Besuch des Europäischen Zentrums der Solidarność waren wir uns als Exkursionsgruppe einig, dass die Rolle der Frauen in der Dauerausstellung zu kurz kam. Dort werden als wichtige Akteure hauptsächlich Männer in den Vordergrund gestellt und auch größtenteils die Einzelschicksale von diesen thematisiert.

Auch in der Literatur findet sich wenig zu den Aktivistinnen der Solidarność. Dabei haben die Frauen eine wichtige Rolle eingenommen. Erst einmal begann der Streik durch eine Frau, der Kranführerin Anna Walentynowicz, die sich gegen ihre Entlassung aus der Werft wehrte. Sie selbst stand allerdings nicht an der Spitze der Streikbewegung, da Lech Walesa sie relativ schnell verdrängte.[i]

Zu Beginn der Solidarność-Bewegung hielten sich die Frauen eher im Hintergrund und unterstützten durch Infrastruktur und Lebensmittel. Dies spiegelte sich beispielsweise auch im ersten Solidarność-Kongress wieder, bei dem nur 7 % der Delegierten weiblich waren. Mit Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 wurden etwa 5000 Solidarność-Aktivist*innen verhaftet – dabei handelte es sich jedoch hauptsächlich um Männer. Die Geheimpolizei traute den Frauen in den meisten Fällen keine konspirative Arbeit zu, deswegen wurden sie weniger verdächtigt und verhaftet. Durch diesen Einschnitt übernahmen die Frauen nun alle wichtigen organisatorischen Arbeiten. So gaben beispielsweise 6 Frauen über einen Zeitraum von 8 Jahren jede Woche ein Blatt heraus (Tygodnik Mazowsze-Wochenblatt von Masovien), das etwa 22 Schreibmaschinenseiten umfasste. Dieses informierte über Repressalien, also wer interniert oder verhaftet, welcher Widerstand geleistet und zu welchen Widerstandsaktionen aufgerufen wurde. Das Blatt gewann mit der Zeit an überregionaler Bedeutung und verband alle Aktivist*innen, die sich im Untergrund verstecken mussten. Es war eine kleine Hoffnung, dass die Solidarność-Bewegung nicht komplett unterdrückt worden war. Die Frauen organisierten nun außerdem die Untergrundtreffen und die Unterkünfte für die Männer, die sich verstecken mussten. Da diese sich nicht in der Öffentlichkeit zeigen durften, waren sie ganz auf den Einfallsreichtum und das organisatorische Talent der Frauen angewiesen.[ii]

Um einen Einblick in den Alltag einer Aktivistin der Solidarność-Bewegung zu bekommen, lässt sich gut ein Interview mit Ewa Maria Slaska betrachten, die damals als Journalistin aktiv war. Sie begleitete ausländische Journalist*innen, die sich mit Aktivist*innen im Untergrund treffen wollten und organisierte Radiosendungen in ihrer eigenen Wohnung. Dies musste allerdings geheim bleiben und ihre Familie durfte nichts davon erfahren. Sie selbst sagt, dass sie noch nie so beschäftigt in ihrem Leben gewesen sei, wie zu der Zeit des Streiks, da sie sich um viele organisatorische Angelegenheiten kümmern musste. Außerdem war sie für eine Untergrundwochenzeitschrift zuständig. Hierfür zu schreiben war allerdings immer nur möglich, wenn ihr Mann schon ins Bett gegangen war. Sie selbst bemängelt, dass bei den Streikzielen viele Frauenthemen nicht berücksichtigt wurden und viele Politiker der Solidarność-Bewegung sich diskriminierende Aussagen gegenüber Frauen erlaubten. So zum Beispiel, dass Frauen ihre Rolle zuhause am Herd hätten.

Bei Interviews mit Frauen der Solidarność-Bewegung, stellte sich heraus dass viele nicht gerne über die Erinnerungen an diese Zeit sprechen. Sie glaubten dass sich doch niemand mehr dafür interessieren würde. Viele ehemalige Aktivistinnen sagten, dass sie damals einfach nur ihrer Pflicht nachgegangen seien und sahen sich selber nicht als wichtige Trägerinnen der Bewegung. Auch nach der Untergrundtätigkeit machten die wenigsten Frauen Karriere, nutzten ihre Fähigkeiten oder gingen in die Politik. Obwohl sie über die gleichen Kompetenzen wie die Männer verfügten, machten nur die wenigsten Gebrauch davon.[iii]

In der Diskussion mit der Exkursionsgruppe stellte sich nun auch die Frage, warum dies so war. Größtenteils lag es wahrscheinlich daran, dass die Frauen Abseits der Untergrundwelt in der polnischen Gesellschaft im Wettbewerb mit den Männern nicht gewinnen konnten und immer Männer für höhere Tätigkeiten bevorzugt wurden. Außerdem waren die Untergrundstrukturen nicht so formalisiert wie die staatlichen und die der Regierung und so konnten die Frauen in den nicht-offiziellen Strukturen wichtige Tätigkeiten ausüben. Durch die geringe Anerkennung der Gesellschaft waren viele Frauen sich ihrer wichtigen Rolle nicht bewusst.

In nächster Zeit soll es in dem Europäischen Zentrum der Solidarność eine Sonderausstellung zu den Frauen in der Solidarność geben. Wie intensiv sich diese mit der Thematik und der Erinnerungskultur auseinandersetzt bleibt abzuwarten. Fest steht, dass eine Aufarbeitung bis jetzt noch sehr lückenhaft ist.

Literatur:

Sauerland, Karol: Die Rolle der Frauen in der Solidarnosc-Bewegung und der Sieg der Männer nach der sogenannten Wende, in: theologie.geschichte Beiheft 8, h.g von der Universität Saarbrücken, Saarbrücken 2013.

Long, Kristi S.: We All Fought for Freedom, Oxford 1996.

Das Interview mit Ewa Maria Slaska ist hier zu finden:

http://www.digitalhistory.uni-bremen.de/women-under-communism/exhibits/show/at–solidarno—–und-frauen/kurze-biographie


[i]Sauerland: Frauen in der Solidarność, S.263f.

[ii]Ebd. S.264f.

[iii]Sauerland: Frauen in der Solidarnosc, S. 267f.