Das Europäische Solidarność-Zentrum

Text: Aleksandra Pure
Foto: Natalia Wollny

Das Europäische Solidarność-Zentrum (Europejskie Centrum Solidarności, ECS) befindet sich auf dem Solidarność-Platz in der Nähe des Denkmals für die gefallenen Werftarbeiter von 1970 oder umgangssprachlich auch „Drei-Kreuze-Denkmal“ (Pomnik Trzech Krzyży) genannt.[1] An diesem Ort, auf der Lenin-Werft, formierte sich im August 1980 eine Gewerkschaft, die später zur größten landesweiten oppositionellen Bewegung gegen das kommunistische Regime wurde.

Das Gebäude hat ein industrielles Design: Seine Form und Ausführung aus Stahlblechen schaffen das Bild einer Werft. Das Zentrum wurde im August 2014 eröffnet und beinhaltet eine Bibliothek, eine Mediathek, ein Archiv, das Museum (mit permanenten und Sonderausstellungen) und Büros für Forscher*innen und Mitarbeiter*innen – Lech Wałęsa, der Vorsitzender der Solidarność-Bewegung und in den 1990er Jahren der Präsident der Republik Polen, verfügt im ECS ebenfalls über ein eigenes Büro.[2] Der Innenraum des Solidaritätszentrums hat auch einen industriellen Charakter, allerdings lockern Pflanzen, Bäume und viel Tageslicht das praktische Interior aus Metall und Stein auf. Wir hatten eine Museum- und Archivführung und auch die Möglichkeit, von der Aussichtsterrasse auf dem Dach das Panorama der ehemaligen Lenin-Werft und der Altstadt – zwei Seiten der Stadt Gdańsk – zu sehen.

Die Museumsausstellung ist chronologisch gestaltet und besteht aus sieben thematischen Sälen: „Geburt der Solidarność“, „Die Macht der Machtlosen“, „Solidarność und Hoffnung“, „Kultur des friedlichen Wandels“, „Im Krieg mit der Öffentlichkeit“, „Weg zur Demokratie“ und schließlich „Triumph der Freiheit“. [3] Die Ausstellung wiederholt das Musternarrativ polnischer Nationalgeschichte über Not, Unglück und Unfreiheit, die die Bürger*innen unter dem kommunistischen Machtregime erlebten und gleichzeitig über Mut, Organisiertheit und Solidarność der Aktivist*innen, die den Widerstand gegen dieses ungerechte Regime leisteten. Unsere kompetente Guide führte uns durch die Ausstellung und berichtete in knapper Form nicht nur über die historische Entwicklung polnischer oppositioneller Bewegung, sondern erzählte auch über Konzepte und Ideen, die der Ausstattung jedes Saales zugrunde gelegt wurden.

Zahlreiche Exponate sind in interaktiver Form ausgestellt: Die Besucher*innen dürfen sie anfassen und sollen durch begleitende Geräusche, Musik, Farben und Licht vergangene Ereignisse nicht nur kognitiv, sondern auch emotional und sinnlich spüren und wahrnehmen. Das waren sehr unterschiedliche Exponate: Fotografien, Film- und Tonmaterialien, Archivdokumente, Manuskripte, Karten, illegale Zeitungen und Flugblätter, Kunstgegenstände, etc. Es gab unter ihnen so seltene Dinge wie den gelben Pullover, den Lech Wałęsa während der Unterzeichnung der August-Abkommen an gehabt hatte, sowie die Kabine der Kranführerin Anna Walentynowicz, deren Entlassung kurz vor ihrer Rente die Proteste auf der Lenin-Werft provoziert hatte. Die Ausstellungsautor*innen wollten das Leben Polens der 1980er Jahren wiederherstellen, um die Tragödie des Kriegsrechts und die Unvollkommenheit des kommunistischen Systems zu zeigen. Nach der Ausstellungsführung und kurzer Mittagspause hatten wir die Archivführung, wo wir uns Solidarność-Archivalien wie Briefmarken, Plakate und Samizdat-Dokumente angeschaut hatten. Das Archiv des ECS beinhaltet neben den Archivalien zur Solidarność-Bewegung Material der kommunistischen Opposition und ist für alle Forscher*innen offen.

Die heutige polnische Erinnerungskultur, die im Museum anschaulich dargestellt ist, erregt widersprüchliche Gedanken und bietet Anlässe für kontroverse Diskussionen; genau aus diesem Grund sollte die Ausstellung besucht werden. Weitere ästhetisch positive Erinnerungen hinterlassen die ungewöhnliche Architektur des Europäischen Solidarność-Zentrums zusammen mit dem wunderschönen Ausblick auf die Stadt Gdańsk und liefern noch einen Grund, das Zentrum bei Gelegenheit zu besuchen.


[1] Das Drei-Kreuze-Denkmal in Gdańsk, online unter: https://www.polen.travel/de/andere-sehenswuerdigkeiten/das-drei-kreuze-denkmal-in-gdansk, (stand: 31.03.2018).

[2] About ECS, History, online unter: http://www.ecs.gda.pl/title,History,pid,28.html, (stand: 31.03.2018).

[3]The Permanent Exhibition, online unter: http://www.ecs.gda.pl/title,Exhibition,pid,20.html, (stand: 31.03.2018).