Das rote Fundament der Exkursion: Danziger Backsteinbauten und die imposante Marienburg

Text: Arne Cordes und Jakob Sieling
Foto: Natalia Wollny

Wer sich zu einer Besichtigung der Stadt Danzig aufmacht, wird beim Spaziergang durch die Stadt schnell feststellen, dass Backstein ein von Danziger Bürger_innen und Baumeister_innen offenbar sehr geschätzter Baustoff war und ist. Ob nun zu Fuß aus mehr oder weniger leicht erhöhter ‚Normalnull-Perspektive‘ oder aus luftiger Höhe vom bequemen Sitz einer Riesenradschaukel: Beim Blick auf die Danziger Innenstadt fallen sofort die prächtigen Rotschattierungen der zahlreichen Gebäude ins Auge.

Von den einladenden Wassertoren über die weithin sichtbare Marienkirche bis hin zum prachtvollen Großen Zeughaus, die architektonische Raffinesse der Danziger Stadtbevölkerung beim Gebrauch des roten Quaders ist weithin erkennbar.

Ob nun als Schutz vor unwillkommenen Gästen, als baulicher Ausdruck weitverbreiteter Glaubensüberzeugungen oder auch als ästhetisch ansprechende Fassadenverzierung, der Backstein erfüllt unangefochten alle Ansprüche, die man an einen Baustoff richten kann, weswegen er seine Existenzberechtigung in vielen Jahrhunderten immer wieder unter Beweis stellen konnte. Die Zeitlosigkeit des Steines wird auch heute noch durch die weite Verbreitung auf Danziger Baustellen untermauert.

Stadtbesucher_innen, die mit hanseatischer Baukunst vertraut sind, werden sich in Danzigs Gassen sogleich heimisch fühlen. Nicht weniger heimisch fühlten wir uns unter der fähigen Führung, Aufsicht und Gastgeberschaft von Marek, einem pensionierten Grundschullehrer, der uns am Samstagmorgen mit den spannendsten Begebenheiten aus der jahrhundertealten Geschichte und Tradition der Marienburg vertraut machte. Dank Mareks überaus unterhaltsamer und informativer Darstellungs- und Erzählweise erwachten die Geschichte und das Leben der einstigen Burgbewohner vor unseren Augen förmlich erneut zum Leben.

Während der dreistündigen Tour durch eine der größten Burgen Europas und das größte von Menschenhand errichtete Backsteingebäude der Welt, hatten wir die Gelegenheit, ein Bernsteinmuseum zu erkunden und dort allerhand Wissenswertes über mittelalterliche Kunst, Trauriten, Medizin und die heutige Verwendung des wertvollen Kleinods erfahren zu können. Aber auch die Besichtigung der eigentlichen Burg war nicht von Pappe, ebenso wie die Burg an sich. Lediglich die wiederholten Warnungen und das mehrfache beherzte Eingreifen Mareks konnten verhindern, dass einzelne Personen unserer Gruppe Gefahr liefen, von kochendem Pech übergossen zu werden. So wurde letztlich dankenswerterweise auch niemand von den zahlreichen Pechnasen überrascht.

Nicht nur die Zeit in ständiger Todesangst sorgte unsererseits für eine wahrhaftig mittelalterlich anmutende Erfahrung, auch weniger lebensgefährliche Situationen hinterließen bleibenden Eindruck – so lernten wir etwa den immanenten Zusammenhang zwischen himmlischer Macht und weltlicher Ballistik kennen, indem uns der in sämtlichen Lebenssituationen zweifelsohne hilfreiche Leitspruch „Schießen ist Kunst, doch Treffen ist Gotteskunst“ mit auf den Weg gegeben wurde.

Marek wusste jedoch keineswegs bloß mit allerlei Weisheiten des Klerus aufzuwarten – auch auf dem Gebiet der Raumgestaltung vermochte er uns zu erleuchten. So werden wir in Zukunft bei Betreten eines uns unbekannten Raumes stets nach Schinkel im Winkel Ausschau halten. Außerdem gelang es ihm, in uns allen ein enormes Interesse am bis dato – bedauerlicherweise (!) – noch völlig unzureichend bearbeiteten Gebiet der historischen Somnologie zu wecken, indem er uns die durchaus bedenkenswerte Option des Sitzschlafes, wie ihn die einstigen Bewohner der Marienburg präferierten, näherbrachte und sie als gesundheitsfördernde Alternative zum landläufig praktizierten Schlaf in liegender Position präsentierte. Unser Aufenthalt im einst für Sträflinge vorgesehenen Burgareal endete erfreulicherweise bereits nach vergleichsweise kurzer Dauer, nachdem Marek der Tatsache gewahr wurde, dass die finanziellen Mittel unserer Gruppe kaum für einen geruhsamen Lebensabend in Ritterrüstung vor dem Kamin genügen würden.

Des Weiteren verstand Marek es auch, uns die exzellenten edukativen Möglichkeiten, mit denen die Marienburg auftrumpfen kann, überaus schmackhaft zu machen. Nachdem trotz immensen Anstrengungen von vier Gruppenmitgliedern der zu hebende Mörser wie angegossen am Boden blieb, wurden wir uns unserer körperlichen Unzulänglichkeiten bewusst, wodurch ein Besuch der sommerlichen Ritterschule in erheblichem Maße an Attraktivität gewann.

Geradezu beflügelt ob dieser Aussicht auf eine ebenso ruhmreiche wie ehrenvolle Karriere jenseits der schnöden Academia gipfelte unser Aufenthalt in der Marienburg in der Ernennung eines Gruppenmitglieds zum Hochmeister des Deutschen Ordens durch den altehrwürdigen Mentor Marek. Angesichts der Tatsache, dass dieser Aufstieg kaum noch durch weitere Titel oder Berufungen übertrumpft werden konnte, endete unsere Führung zeitnah – allerdings nicht ohne einen nachhaltigen Eindruck bei allen Teilnehmenden hinterlassen zu haben.